Radfernfahrt von Montpellier nach Bonn
vom 30.05.2010 - 08.06.2010
Zum wiederholten Mal stand in diesem Jahr wieder die Fernfahrt von Montpellier nach Bonn auf dem Programm.
Vor der eigentlichen Tourbeschreibung ein paar Informationen zu den Rahmenbedingungen.
· Für Fernfahrten ohne Begleitfahrzeug und vorher fest gebuchte Quartiere ist eine Gruppenstärke von drei Mann sehr günstig, da man in Hotels oder Privatquartieren sehr oft Zimmer mit drei getrennten Betten bekommen kann und nicht zwei Zimmer nehmen muß.
In diesem Jahr dabei: Bux aus Steegen bei Freiburg, Werner aus Unkelbach und Matthias aus Mehlem.
· Bei den Rädern handelt es sich um handelsübliche Rennräder.
· Systemlaufräder sollten aus Gründen der Belastbarkeit und Reparaturmöglichkeit vor Ort überdacht werden. 23 - 25 mm Reifenbreite haben sich bei dem in Frankreich oft groben Asphalt bewährt.
· Eine Kompaktkurbel bzw. drei Kettenblätter vorne haben sich bewährt, als Rettungsring ist ein 27-er Ritzel geeignet, aber hier sind individuelle Bedürfnisse zu berücksichtigen.
· Der Radtransport bei sog. Billig-Airlines ist in der Regel problemlos, die einschlägigen Bestimmungen finden sich auf den jeweiligen homepages.
· Beim Gepäck wundert man sich, mit wie wenig man auskommen kann, z. B. 1kurzärmeliges Trikot, 1 kurze Radhose, Armlinge, Beinlinge, Wind/Regenjacke, 1Funktionswäscheunterhemd, welches ggf. auch nachts getragen wird.
An „Zivilkleidung" sind eine lange (Zip-off-) Hose, ein Oberhemd, leichter Puli und angemessene Schuhe empfehlenswert, da man bei Privatquartieren bei den Mahlzeiten ja mit dem Hausherrn im Wohnzimmer am Tisch sitzt.
Hier sind auch zumindest Basiskenntnisse der Landessprache hilfreich, da die deutsche und englische Sprache nicht sehr verbreitet sind.
· Der Gepäcktransport auf der Tour erfolgt mit zwei kleinen seitlichen Packtachen am montierten Gepäckträger. Eine Lenkertasche für Karte, Müsli, Regenjacke,Sonnencreme, Essbesteck, Geldbörse, Handy usw. ist sinnvoll.Ein Rucksack ist bei sommerlichen Temperaturen nicht jedermanns Sache.
· Der Streckenverlauf vermeidet konsequent jegliche Nationalstraße! Die Halbwertzeit des Radlers auf französischen Nationalstraßen ist kurz! Es werden ausschließlich kleine D- und C-Straßen gefahren. Als Kartenmaterial sind Michelin-Karten 1:200.000 empfehlenswert.
Der Straßenbelag ist mitunter grob, generell sind die Straßen aber in besserem Zustand als in Deutschland, und Autofahrer sind im allgemeinen insbesondere in ländlichen Gebieten radfahrerfreundlicher als in Deutschland.
· Unterkünfte sind nicht vorbestellt, da man am Morgen nie weiß, wie weit man kommt (Wetter, Panne, Tagesform, Lust). Wenn der weitere Tagesverlauf gegen 14:00 - 15:00 Uhr absehbar ist, versuche ich eine von vielen früheren Touren bekannte Unterkunft anzurufen und das Quartier zu buchen, dann radelt es sich für den Rest des Tages entspannter.
· Hotels und Gasthöfe haben in der Regel ein angeschlossenes Restaurant oder man findet im Ort etwas Passendes.
Privatunterkünfte (chambre d'hôte) bieten neben dem leider immer noch wenig radfahrerfreundlichen Frühstück am Morgen bisweilen auch ein Abendessen an (table d'hôte), was aber mit einigen Stunden Vorlaufzeit angemeldet sein sollte,
nicht immer reichen die Hausvorräte, um drei hungrige Radler angemessen zu verköstigen.
Zu den Mahlzeiten bei Privatquartieren ist man dann meist in die Familie integriert, d.h. man sitzt gemeinsam an einem großen Tisch im Wohnzimmer oder in der Wohnküche. Bei Unterkünften auf Bauernhöfen (à la ferme) kommt dann zusammen mit den Hofangestellten und ggf. anderen Übernachtungsgästen oft eine ansehnliche Runde zusammen.
Nach dem Abendessen und dem Absacker ist dann in der Regel Schluß, denn insbesondere auf den Bauernhöfen geht das Arbeiten im Sommer um 05:00 Uhr wieder los, so dass man sich beizeiten zurückziehen sollte.
· Die Verpflegung am Tag erfolgt über kleinere Geschäfte, Bäckereien oder Konditoreien.In der Regel sind alle Geschäfte (außer Supermärkte, die man in ländlichen Gebieten aber selten findet) von 12:00 - 15:00 Uhr geschlossen, dafür haben viele Geschäfte aber auch am Sonntag auf und gönnen sich einen Ruhetag inder Woche, oft montags oder dienstags.

Sonntag, den 30.05.2010
94 km, 684 Höhenmeter
Auf dem Flug von Hahn nach Montpellier werden noch die vorbereiteten Butterbrote gegessen, denn nach der Landung bleibt keine Zeit mehr zum Essen.
Die Ryanair-Maschine landet vorzeitig gegen 11:10 Uhr in Montpellier. Während des Wartens auf die Räder ziehen wir uns schon abwechselnd um. Die Räder haben den Transport unbeschadet überstanden. An einer Kopfseite des überschaubaren Flughafengebäudes stehen wie in früheren Jahren noch die großen Papier- und Müllcontainer, in die die Radkartons und das
Polstermaterial wandern. Die Räder sind schnell montiert, die Satteltaschen befestigt, 80 Minuten nach der Landung sitzen wir schon wieder, aber diesmal im Sattel. Nach 12 km sind Autobahn, Nationalstraße und Eisenbahn als Hauptverkehrsachsen
entlang der Mittelmeerküste überquert und die Fahrt geht Richtung Norden durch mediterrane Landschaften, in die die ersten Höhenmeter geschickt integriert sind, wir bemerken sie dennoch. Hinzu kommt noch ein merklicher, kühler Nordwind, der uns das Fortkommen erschwert.
Rechts und links der Straße befinden sich ausgedehnte Weinberge und Weingüter, die mit großen Hinweisschildern Weinproben im kühlen Weinkeller anbieten, was unsere Tagesfahrleistung aber sicherlich deutlich reduzieren würde.Vereinzelt blüht tatsächlich noch der Ginster, auch in Frankreich war dieser Winter länger und kälter als gewöhnlich, was uns Einheimische wiederholt bestätigen. Kurz vor Uzès finden wir am Spätnachmittag ein sehr geräumiges Privatquartier: zwei
Zimmer, ein Riesenbad mit Dusche und Whirlpool. Leider bekommen wir hier kein Abendessen, so dass wir einen Abendspaziergang in den Ort machen. Aber auch dort sind wir erfolglos: das erste Restaurant ist wegen Renovierung geschlossen, ein anderes hat eine geschlossene Gesellschaft. Ein Lebensmittelgeschäft gibt es hier nicht, so dass wir uns kurz vor Ladenschluß beim Konditor mit Köstlichkeiten aus der
Pâtisserie und mit Mineralwasser eindecken.
Zurück in der Unterkunft können wir von unseren Gastgebern noch eine Flasche Rotwein erstehen, die wir am Swimming-Pool bei untergehender Sonne trinken. Ein Pullover tut gute Dienste.

Montag, den 31.05.2010
122 km, 1655 Höhenmeter
Frühstück gibt es leider erst gegen 08:00 Uhr, da erst morgens frisches Brot aus dem Dorf geholt werden muß. Zusammen mit selbstgemachter Marmelade schmecken Baguette und Croissant köstlich, auch wenn es nicht lange vorhalten wird. Die Fahrt geht weiter Richtung Norden ins Department Ardèche, der kühle Nordwind
bläst weiter, so dass wir beim Nudelmittagessen in Vallon Pont d'Arc die Sonne gut vertragen können. Kurz vor uns ist im Lokal eine bestimmt 20 Mann starke Radtruppe mit begleitenden Ehefrauen eingefallen, alles etwas ältere Herren, die - wie wir im Gespräch erfahren - eine mehrtägige Tour machen. Wir schaffen es aber, unsere Bestellung noch vor ihnen aufzugeben, denn sonst wäre das vielleicht eine längere Zwangsmittagspause geworden.
Auf Nebenstraßen geht es weiter nach Aubenas, einer größeren Stadt mit einer immer wieder unangenehmen Stadtdurchquerung, da einige Autotunnels für Radler geperrt sind und man sich bei der Stadtdurchquerung auf seinen Orientierungssinn verlassen
muß.Danach geht es in den ersten längeren Anstieg der Tour Richtung Mezillhac (1130 m).Nach ca. 2/3 des Anstiegs kommen wir gegen 17:00 Uhr an einem Hotel vorbei, in dem wir Quartier beziehen. Wir sind die einzigen Gäste im Haus. Der Chef zaubert,
was die Küche hergibt, er hat ein Herz für Radler und integriert auch Nudeln in die vier Gänge.
Beim Abendspaziergang klart der Himmel auf, es bläst ein sehr kräftiger und kalter Nordwind, die Temperatur sinkt auf ca. 8°C. Es kommen Erinnerungen an Mistral auf.

Dienstag, den 01.06.2010
113 km, 1811 Höhenmeter
Es hat nachts etwas geregnet und die Temperatur ist erwartungsgemäß über Nacht auch nicht angestiegen, so dass wir uns nach dem französischen Frühstück mit Windjacke und Armlingen gerüstet in den letzten Teil des Berges begeben. Oben in Mezilhac
(1130m) angekommen scheint zwar die Sonne, aber richtig wärmen tut sie nicht, so dass wir uns sofort auf die Abfahrt nach le Cheylard (430 m) machen, wo wir von frühren Touren neben dem Lebensmittelladen noch eine Pâtisserie kennen.
Bewaffnet mit Brot, Käse, Schinken, Getränken und Kuchen setzen wir uns auf die Bänke am Sportplatz, und halten unser zweites Frühstück ab. Die Weiterfahrt führt in den zweiten Berg nach Aurillac, 1040 m hoch gelegen. Inzwischen sind wir im Department Haute Loire angekommen, ob das „Haute" von hoch kommt, weiß ich zwar nicht, aber es hätte in der Landschaft sein Korrelat gefunden.
In einem stetigen Auf und Ab geht es weiter bis Montfaucon-en-Velay, von wo ich eine von früheren Touren altbekannte Gastgeberin namens Laura anrufe, die in der Nähe von St. Didier inmitten von Feldern und Wäldern in einem wunderschön restaurierten alten Bauernhaus auch chambres d'hôtes betreibt. Wie üblich äußere ich den Wunsch nach Abendessen, wie üblich sagt Laura, dass sie nicht darauf eingerichtet sei und nichts im Haus habe, wie üblich sage ich, dass wir
mit ein paar Nudeln und Brot zufrieden sind und wie üblich zaubert sie dann am Abend in einem urigen Raum mit offenem Kamin ein 5-Gänge-Menu mit einem Holunder-Weißwein-Aperitif, Rotwein zum Essen und einem selbst aufgesetzten Absacker auf den Tisch.
Gegen Abend fallen dann die ersten Regenrtropfen aus dem inzwischen verhangenen Himmel

Mittwoch, den 02.06.2010
0 km, 0 Höhenmeter, man könnte es auch Ruhetag nennen.
Während der Nacht hören wir schon die Tropfen auf das Dachflächenfenster unseres Schlafzimmers fallen. Als wir gegen 06:00 Uhr mal aus dem Fenster schauen, hängen dunkle, ergibige Regenwolken in den umliegenden Bergen, alles ist grau in grau,
die Außentemperatur beträgt 7°C. Als Ausdruck unseres guten Willens frühstücken wir schon wie üblich in Radklamotten. Nachdem sich aber bis 09:00 Uhr an der Wetterlage absolut nichts zum Besseren
gewendet hat, bitten wir Laura, doch mal für uns die aktuelle Wetterprognose im Internet aufzurufen. Am heutigen Tag soll es so verregnet bleiben, ab morgen soll es zwar noch weiter kühl, aber trocken sein. Da uns noch von 2008 eine Radtour mit acht aufeinanderfolgenden Regentagen in guter bzw. schlechter Erinnerung ist, beschließen wir, einen Tag bei Laura zu verbringen.
Also ist es heute der Tag, den wir für die Tour für alle Fälle mal als Ersatztag eingeplant haben.
Der Ruhetag mit Schlafen, Musik hören, Kartenspiel, am Nachmittag einem kleinen Spaziergang und Tischtennis auf der Gartenterrasse tut uns gut. Mit unserer Entscheidung, einen Tag länger zu bleiben, bringen wir Laura etwas in Bedrouille, hat sie heute Abend doch mit ihren beiden Kindern eine Abendveranstaltung
in der Schule und kann uns eigentlich kein Abendessen machen.
Aber kein Problem für uns, sie bereitet alles vor: als Vorspeise eine große Auswahl selbstgemachte charcuterie mit frischem Brot, anschließend eine riesengroße Backform Lasagne, die wir uns in der Mikrowelle wärmen, anschließend eine Käseauswahl, danach ein ganzer selbstgebackener Kuchen und dazu wieder wie üblich Aperitif,
Rotwein und einen Absacker. Wir räumen nach dem Abendessen auf und versorgen die wenigen Reste im Eisschrank,
damit Laura, wenn sie spät nach Hause kommt, wie besprochen schon dasFrühstück vorbereiten kann.
Daß heute nach wenig körperlicher Betätigung aber übermäßiger kalorischer Vorbereitung auf den nächsten Tag das Einschlafen etwas schwerer fällt, kann man sich vorstellen.

Donnerstag, den 03.06.2010
175 km, 1917 Höhenmeter
Der Regen hat am frühen Morgen aufgehört, die Temperatur beträgt wieder um 7°Cund die Wolkendecke scheint nicht mehr ganz so dicht zu sein. Laura hat das Frühstück wieder mit selbst gemachten Marmeladen, Honig und Brot hervorragend vorbereitet, so dass wir um 06:30 Uhr beim Frühstück sitzen. Wir bemühen uns, möglichst leise zu sein, aber die alten Eichendielen knarren eben doch bei fast jedem Schritt. Auf die Kreidetafel hat uns Laura noch gute Wünsche für unsere weitere Tour geschrieben, wir bedanken uns ebenfalls auf der Kreidetafel und stellen unseren nächsten Besuch für das kommende Jahr in Aussicht. Möglichst leise verlassen wir früh das Haus um keinen zu wecken, nachdem wir bereits am Vorabend das Finanzielle geregelt
haben. Bis wir an der Loire in Höhe St. Étienne ankommen, sind noch ein paar Hügelketten mit zum Teil doch über 12 %-igen Anstiegen zu bewältigen, so werden wenigstens die Füße warm, was man von den Fingern nicht behaupten kann.
Inzwischen sind wir im Department Loire angekommen. Im breiten Tal der Loire fahren wir zunächst links der Loire, später rechts der Loire Richtung Norden. Aber auch hier meiden wir die im Tal gelegenen Hauptstrassen, statt dessen fahren wir auf Straßen, die talparallel in den den Fluß begleitenden Anhöhen mit kleinen Seitentälern
verlaufen, mit den entsprechenden Höhenmetern, dafür aber fast ohne Verkehr. Bald lassen wir die Loire auf der linken Seite liegen und fahren über St. Symphorien, und Charlieu nach la Clayette.
Hier mieten wir uns in einem drittklasssigen Hotel an der Straße, die aber nachts fast keinen Verkehr hat, ein. Die Räder werden in der gegenüberliegenden Garage abgestellt. An der Bar sind ca. 12 Männer, die offenbar auf Montage sind und auch hier im Hotel wohnen. Alles ist etwas runtergekommen, von den Wänden im Bad löst sich der
auf die Kacheln aufgeklebte Linoleum, die Brausearmatur könnte auch mal entkalkt werden, zumal es keinen Duschvorhang gibt und das Wasser sich den Weg des geringsten Widerstandes sucht, was nicht unbedingt der Duschkopf ist. Die gewaschenen Trikots werden an die Fensterläden in die Abendsonne gehängt. Dass sich darunter der Kneipeneingang befindet und der eine oder andere Wassertropfen
ebendort landet, stört hier auch niemanden. Wir überlegen, zum Abendessen in die Stadt zu gehen, aber man sollte aus der überschaubaren Qualität des Zimmers nicht auf das Essen schließen.
Und in der Tat, in einem Nebenraum befindet sich das Restaurant, Tischtuch und Stoffservietten sind Standard, und aus der Anzahl der Besteckteile schließen wir zwanglos, dass es wohl mehrere Gänge gibt. Wir werden nicht enttäuscht. Am besten bestellt man häufig das „menu de jour" mit 3 bis 5 Gängen und wählt nicht aus der
Karte die einzelnen Gänge aus. Dazu gibt es eine Flasche lokalen Rotwein. Angenehm auch, dass immer kaltes Wasser gereicht wird und wir unseren Flüssigkeitsbedarf nicht mit teurem Mineralwasser decken müssen.



*** Bericht von Montpellier nach Bonn Teil 1 ***
Teil 2 >>>

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